Vor drei Monaten habe ich eine kleine Pflanze auf der Straße gefunden. So eine Zimmerpflanze einfach. Ich habe sie mitgenommen. Ich bin nicht so richtig ein Pflanzenliebhaber, aber die tat mir leid. Dann habe ich sie gepflegt, nach bestem Wissen und Gewissen. Sie ist jetzt schon ziemlich gewachsen. Sie steht unter dem Fenster, für die Kommode ist sie zu groß geworden. Vor einer Woche hat sie begonnen, etwas Neues zu machen. Da wuchs ein Geschwulst. Zuerst war es hellgrün. Ein kleiner Finger, nur eben aus Pflanzenstoff. Das sah anders aus als der Rest. Ich hab‘ sie dann ein bisschen mehr gegossen, ich dachte, das hilft vielleicht. Jeden Tag habe ich ein Foto von dem Finger gemacht.
Jetzt habe ich den Finger angefasst. Er quietscht. Die Haut ist gespannt. Er wird jetzt nicht mehr länger, sondern dicker. Er kriegt Falten, aber nicht, weil zu viel Haut da ist, sondern eher das Gegenteil. Das Fleisch drückt von innen und walzt von innen heraus. Es sieht nicht mehr aus wie ein Finger, auch nicht wie ein Darm. Wie eine Niere oder so. Aber eine Bohne ist es nicht. Es ist rot, schimmert leicht lila. Die harte Haut wird weicher. Ich kann die Frucht jetzt eindrücken, aber vorsichtig. Ich rieche daran. Meine Nasenspitze kitzelt. Die Frucht ist kalt.
Sie wird immer mehr lila. Ich fotografiere weiter. Sie wird auch nicht mehr größer, aber verändert ihre Struktur. Vorher prall, jetzt schwammiger. Kalbsbries. Oder eine Beere. Vielleicht ist es sowas. Ob es süß ist oder sauer? Ich gieße jetzt nicht mehr so viel, denn sie wächst ja nicht mehr. Ich stütze die Frucht mit drei Fingern. Einem Daumen und zwei Fingern. Sie hat keinen richtigen Stiel, wie man es kennt. Sie wächst direkt aus der Pflanze heraus.
Ich weiß nicht, was ich machen soll. Das Bries wird nicht mehr besser. Was würde die Pflanze wollen? Ich denke, mir bleiben nur wenige Tage zu entscheiden, was zu tun ist. Sie duftet jetzt stark. Warmsüß und schwer. Die Haut ist samtig. Die Pflanze äußert sich nicht dazu. Als würde es sie nichts angehen.
Ich will das pflücken, ich muss auch, was soll man sonst mit einer Frucht machen? Dafür ist sie doch da. Die Pflanze kümmert es nicht, da bleibe nur ich. Ich starre schamlos. Meine Nägel sind kurz. Ich taste mich am Stamm entlang. Langsam grabe ich den Zeigefinger unter. Der Rand ist schon abgelöst. Widerstand, das ekelt mich an. Zu spät, es gibt kein Zurück mehr. Es knirscht und schmatzt leise. Die Wunde ist vier Zentimeter groß. Mehr als ich dachte. Zurück bleibt ein flacher Krater, mit abstehendem Rand. Die Frucht liegt in meiner Hand. Sie wärmt schnell auf und blutet nicht.
Kaum Widerstand, sehr süß.



